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Das Feindbild Israel

 
 

 

 

 

 

  Das Feindbild Israel               

So neu ist der „neue“ Antisemitismus nicht: Nur erscheint er heute beispielsweise in Gestalt syrischer Fernsehserien

Von Clemens Wergin, 1.2.2004

Antisemitismus in Nahaufnahme: Einem „Verräter“ werden in einer rumänischen Synagoge die Ohren abgeschnitten. Ihm wird Blei eingeflößt, das ihn langsam sterben lässt. In einer weiteren Episode der Sendung „Diaspora“ wird einem christlichen Kind der Hals aufgeschnitten, um mit seinem Blut Matzot für das jüdische Osterfest zu backen. Gesendet wurde die 26-teilige Serie am letzten Ramadan - dann, wenn sich besonders viele Muslime vor dem Fernseher versammeln. Sie war über den Satellitensender der Hisbollah, Al Manar, in der ganzen muslimischen Welt zu empfangen.

Im Abspann ist zu lesen, wer für die Produktion verantwortlich war: Syrien. Vom Verteidigungs- bis zum Kulturministerium und der Polizei – man bekommt den Eindruck, der ganze syrische Staatsapparat habe mitgewirkt, um eine der ekelhaftesten Zeugnisse arabischen Antisemitismus zu produzieren, aufbauend auf den in den „Protokollen der Weisen von Zion“ erfundenen Weltverschwörung der Juden, die in der „Diaspora“-Serie als Projekt der Familie Rothschild beschrieben wird.

Mit der syrischen Propagandaserie wird eine antisemitische Ramadan-Tradition fortgesetzt, die im Jahr zuvor im ägyptischen Fernsehen mit dem Machwerk „Ritter ohne Pferd“ begonnen hatte. Nach Informationen des Tagesspiegels versucht die syrische Produktionsfirma LIN die „Diaspora“-Reihe nun an Neonazis in Europa zu verkaufen. In manchen muslimischen Gemeinden in Europa werden die Videos auch schon verteilt. Dies ist nur eine der vielen Facetten des „neuen Antisemitismus“ in Europa, der so neu eigentlich nicht ist.

Seit drei Jahren rollt eine Welle antisemitischer Anschläge, Übergriffe und Propaganda durch Europa. Einen Höhepunkt hatte sie im Frühjahr 2002, als in Frankreich Synagogen und Gemeindehäuser brannten und sich auch anderswo Übergriffe auf Juden häuften. Aufgeschreckt von dem Gefühl der Unsicherheit, dass sich seitdem in den jüdischen Gemeinden Europas breit macht, hat die Heinrich-Böll-Stiftung mit einer Konferenz in Berlin nun eine erste Bestandsaufnahme des Phänomens versucht. Mit ernüchternden Ergebnissen. Etwa dem, dass man den zunehmenden Antisemitismus unter muslimischen Einwanderern schon in den Achtzigerjahren hätte entdecken können – wenn man denn gewollt hätte.

Nun ist die muslimische Variante nicht die einzige Spielart des Antisemitismus in Europa. Folgt man der Kategorisierung von Micha Brumlik, lassen sich fünf Versionen unterscheiden: „Opas Antisemitismus“, der sich aus dem europäischen Antisemitismus der Dreißiger- und Vierzigerjahre speist, linker Antisemitismus besonders in Antiglobalisierungs-, antiamerikanischen und antiisraelischen Milieus, dann das, was Micha Brumlik in Anlehnung an Möllemann den neoliberalen Antisemitismus bezeichnet, der aber eigentlich einer der gutbürgerlichen Mitte ist. Der klassische Neonazismus von Jugendlichen am Rand der Gesellschaft und zuletzt die quasi importierte Judenfeindschaft der Islamisten, die in Frankreich offener zu Tage tritt als etwa in Deutschland.

Dort ist auch deutlicher zu sehen, was für seltsame Allianzen sich teilweise ergeben: etwa die gewisser islamischer Milieus mit der Attac-Bewegung. Ein Beispiel dafür ist die Affäre um Alain Finkielkraut. Der war mit anderen jüdischen Intellektuellen auf einer schwarzen Liste des „progressiven Islamisten“ Tariq Ramadan gelandet. Ramadan hatte behauptet, diese jüdischen Intellektuellen seien Teil eines jüdischen Komplotts zur vorbehaltlosen Unterstützung Israels. Weil Ramadan keine französische Zeitung fand, die sein Pamphlet abdrucken wollte, wurde es auf der Webseite des von Attac organisierten Europäischen Sozialforums in Paris veröffentlicht. Auf dem Forum wurde Ramadan dann auch gefeiert – etwa von José Bove, einer der Galionsfiguren der Antiglobalisierungsbewegung.

Nun ist es kein neues Phänomen, dass sich Teile der extremen Linken mit Judenhassern zusammentun. Wie die grüne Ausländerbeauftragte Marieluise Beck sagte: „Es gab schon Gründe, warum sich die Leute von der RAF in palästinensischen Terror-Lagern ausbilden ließen.“ Sie empfahl der Linken dringend, einmal in die eigenen Köpfe zu schauen. Oder wie Joschka Fischer bei der einleitenden Podiumsdiskussion sagte: „Ich kann das riechen, es ist eine bestimmte Art über Amerika zu reden, auch über Israel.“

Seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 erschien manchen auf der Linken Israel nicht mehr als kleiner, bedrohter Staat, dem es zu helfen galt. Stattdessen rückte die Besetzung in den Vordergrund. Aber während frühere linke Verschwörungstheoretiker Israel als Handlanger Amerikas in Nahost sahen, hat sich das Verhältnis nun umgedreht. Seit dem Irakkrieg wird von der zionistischen Verschwörung (Wolfowitz!) in Washington gesprochen. Die USA werden so zum Handlanger Israels und der Irakkrieg zum Teil eines imperialistischen israelischen Designs. Wer solches behauptet, besteht darauf, er sei ja nur Antizionist – in Wirklichkeit bedient er sich alter antisemitischer Klischees von der jüdischen Weltverschwörung, die sich im Kampfbegriff „Busharon“ verdichten.

Finkielkraut schockiert, dass viele, die sich als antirassistische Kämpfer verstehen, nun in radikaler Einseitigkeit auf der Seite der Palästinenser stehen und dem jüdischen Staat jegliche Legitimität absprechen. „Die palästinensischen Selbstmordattentäter werden komplett ausgeblendet, weil sie die Wahrnehmung stören.“ So werden dann die Israelis zu KZ-Wächtern und die Palästinenser ausnahmslos zu Opfern. Es wird vom „historischen Fehler“ geredet und davon, dass der israelische Staat nie hätte entstehen dürfen. Die „Erzählung“ von Israel als Heimstatt des im Holocaust fast vernichteten Judentums wird abgelöst durch die palästinensische „Erzählung“ von Israel als Kolonialwesen. Aber ist solch radikale Israelkritik auch gleich antisemitisch? Sie wird es dann, wenn das jüdische Volk zum einzigen wird, dem das Recht auf einen eigenen Staat verweigert wird. So hat es bei den französischen Grünen einen riesigen Streit gegeben, weil die grüne Pariser Stadtverordnete Aurélie Filipetti sich zur „propalästinensischen Zionistin" erklärt hat und sowohl mit palästinensischer als auch israelischer Flagge auf eine Antikriegsdemo in Paris gehen wollte. In Teilen der französischen Linken wird das schon nicht mehr akzeptiert.

Das Feindbild…

Der Soziologe und Publizist Natan Sznaider bezeichnet solche Phänomene als „Verrücktheit“, man könnte es auch Ungleichzeitigkeit nennen: Das sich zunehmend postnational gebende Europa hat kaum noch Verständnis für Israel als Ausdruck eines ethnisch-nationalen Projektes. Und aus einer pazifistischen Grundstimmung heraus tut man sich in Europa schwer damit, Krieg als politische Kategorie zu akzeptieren. Dass Israel seine Existenz in mehreren Kriegen verteidigen musste, wische der entpolitisierte und undifferenzierte Slogan „Krieg ist Scheiße“ schlicht beiseite.

Es fällt schwer, den Übergang von radikaler Israelkritik zu antisemitischen Mustern zu definieren. Und es wird nicht einfacher dadurch, dass die Scharon-Regierung den gegen Europa gerichteten Vorwurf des Antisemitismus offensiv benutzt, um Kritik an der eigenen Politik abzuwehren.

Eindeutiger sind die Fälle, wenn aus verbalen Attacken Gewalt wird. Und hier ist ein deutlicher Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt sichtbar. Die antisemitische Welle im Frühjahr 2002 ging einher mit der israelischen Militäraktion im Flüchtlingslager von Dschenin. Und sie ging oft von Muslimen in Europa aus.

Ein linksliberales Milieu

Antisemitische Gewalt in Einwanderermilieus wurde lange als Reaktion einer ausgegrenzten Minderheit gesehen, die ihrem Frust Luft macht. Inzwischen ist klar, dass es hier ideologische Prägungen gibt. Seit Jahrzehnten sind Muslime in Europa einer Flut von antisemitischer Propaganda ausgesetzt, finanziert etwa von Syrien, dessen Verteidigungsminister Mustafa Tlas in „Matzah of Zion“ einen angeblichen Ritualmord in Damaskus behauptet, von Saudi-Arabien oder islamistischen Organisationen wie Hamas und Islamischer Dschihad, in Deutschland auch der Kalifatstaat, Mili Görus und Hisb- u-Tahrir. Aggressiver Antisemitismus wird zur globalen Verlängerung des Kampfes gegen Israel. Und im Islamismus wird er dann auch zum Hauptbestandteil einer religiös gefestigten Ideologie, die Brumlik in die großen totalitären Systeme der Moderne einreiht neben Nazitum und Bolschewismus. Wie gefährlich das werden kann, zeigt sich am hohen Organisationsgrad von Islamisten auch in Deutschland. Von etwa 3,5 Millionen Muslimen werden 40‘000 zum fundamentalistischen Milieu gerechnet.

Genauso hoch ist etwa die Zahl von Rechtsextremisten – gemessen an der Mehrheitsgesellschaft ein mehr als 20 Mal geringerer Anteil. Es sei ihm deshalb auch „völlig unklar“, sagte der Islamismusexperte Eberhard Seidel, „warum Wissenschaftler in Deutschland bisher noch keine Umfragen zu Einstellungen unter Muslimen in Deutschland gemacht haben“. Seidel hat mit seinen antirassistischen Schulprojekten die Erfahrung gemacht, dass antisemitische Stereotypen bei muslimischen Jugendlichen in Deutschland weit verbreitet sind. In Frankreich kann an vielen Schulen in Einwanderervierteln deshalb schon gar nicht mehr über den Holocaust unterrichtet werden.

Es ist nicht zuletzt die Schuld eines linksliberalen juste milieu, dass antisemitische Weltbilder unter Muslimen so lange ignoriert wurden. Zu welchen absurden Ergebnissen das führt, zeigte sich an der von der EU-Behörde zur Beobachtung von Fremdenfeindlichkeit (EUMC) in Auftrag gegebenen Studie über antisemitische Vorfälle in Europa. Die Studie war vom „Zentrum für Antisemitismusforschung“ in Berlin erstellt worden. Veröffentlicht hat sie das EUMC dann aber nicht, weil man nicht wollte, dass junge Muslime aus dem arabischen Raum als eine der Tätergruppen identifiziert wurden. So werden Antirassisten ohne es zu wollen zu Komplizen von Antisemiten. Und haben dabei auch noch ein gutes Gewissen - schließlich setzen sie sich für eine tolerantere Gesellschaft ein.

Eine Gesellschaft jedoch, die, wie der Sozialpsychologe Harald Welzer bemerkte, normative Wertsetzungen immer öfter verweigert. Also davor zurückschreckt, gerade gegenüber Einwanderern einen Wertekonsens zu formulieren, hinter den man nicht bereit ist zurückzugehen. Das wäre aber dringend nötig - gerade wenn es um Antisemitismus geht. Der hat schließlich in Europa seine furchtbarsten Ergebnisse gezeitigt.

Quelle: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/01.02.2004/956382.asp

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Stand dieser Seite:  12. August 2005

   
 

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