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Der palästinensische Offizier und der israelische Soldat

Emanuel Cohn über die Eindrücke eines Soldaten

Gaza 1995. Obwohl ich mit einer Panzerbrigade im Jordantal stationiert bin, werde ich nach Rafiah geschickt. Rafiah liegt im südlichen Gazastreifen an der israelisch-ägyptischen Grenze. Ich soll dort zusammen mit ein paar weiteren Soldaten eine Waffenübergabe an die palästinensische Autonomiebehörde durchführen. Einige meiner Kollegen sträuben sich dagegen. Sie finden irgendeine Ausrede, um sich zu drücken. Ich stelle mich zur Verfügung. Ein Neueinwanderer aus der Schweiz, «Oslo-geblendet» und hoffnungsdurchtränkt, versuche ich die Logik des interimistischen Ministerpräsidenten Peres nachzuvollziehen, oder zumindest nicht zu hinterfragen. Den Palästinensern sollen Waffen, viele Waffen, überreicht werden, damit diese in den Gebieten für Ruhe und Ordnung sorgen können. In Ordnung. Dass zur selben Zeit Busse in die Luft fliegen und jüdische Autofahrer aus dem Hinterhalt mit – wie sich später herausstellt – ebendiesen, den Palästinensern im Rahmen des «Friedensprozesses» übergebenen, Waffen ermordet werden, versuche ich mit meiner Aufgabe in Rafiah nicht in Verbindung zu setzen, zu ignorieren, oder gar als «Preis für den Frieden», wie es Peres und die israelische Medienlandschaft zu definieren pflegen, zu sehen.

So fahre ich also im Winter 1995 nach Rafiah. Bei unserer Ankunft erblicke ich israelische Offiziere und Vertreter der Autonomiebehörde. Ich werde zu einem riesigen Container gebracht. Er öffnet sich. Ich traue meinen Augen nicht. Im Container befinden sich Hunderte von Gewehren, Marke Kalaschnikow. Absender: Ägypten. «Entwicklungshilfe» für den kleinen, gepeinigten Bruder, denke ich mir. Die ganz neuen «Kalatschim», wie sie liebevoll genannt werden, sind russischer Herkunft, sehr treffsicher. Meine Aufgabe besteht darin, die Waffen zu zählen, zu ölen, und dem neben mir postierten, frisch gebackenen palästinensischen «Offizier» zu überreichen.

Ich beginne mit meiner Arbeit. Meine Hände färben sich schwarz. Was tut man nicht alles für den Frieden, denke ich mir. Nach mehreren Stunden zählen, putzen, ölen, flicken und vor allem schwitzen überreiche ich dem palästinensischen Offizier die letzte Kalaschnikow. Nun geschieht etwas, das ich für den Rest meines Lebens nicht mehr aus meinem Kopf werde streichen können. Der Mann blickt auf das Gewehr, dann hebt er seinen Kopf, schaut mir ins Gesicht. Plötzlich fängt er an – zu grinsen. Es ist ein grausames Grinsen. Voller Häme. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Gedanken blitzen in mir auf: Wie lange werden wir Israeli dieses naive Spielchen noch weiterspielen? Im Glanz seiner Zähne sehe ich die vergewaltigte Unschuld des jüdischen Volkes und der friedliebenden Araber. Mir kommt es beinahe so vor, als ob in seinem Grinsen Mitleid mit unserer Naivität, mit unserer Dummheit mitschwingt. Es hallt in meinem Kopf: «Israeli! Du weisst doch ganz genau, dass diese Waffe eines Tages gegen dich und dein Volk gerichtet sein wird!» Wie gelähmt sehe ich dem Mann nach, wie er – noch immer vor sich her grinsend – mit «meiner» letzten Kalaschnikow in der Hand zu seinem Container spaziert.

Auf der Heimfahrt bringe ich kein Wort heraus, den folgenden Tag bringe ich keinen Bissen herunter. Im Laufe der Monate und Jahre wird es Nächte geben, in denen ich schweissgebadet aufwache und das lachende Gesicht dieses palästinensischen Offiziers vor mir sehe. Insbesondere an jenen Tagen, an denen Juden auf Israels Strassen von hinterlistigen palästinensischen Terroristen wie Enten abgeschossen werden, schiesst es mir durch den Kopf: Vielleicht war es deine Waffe? Eine deiner geölten «Kalatschim»?

Gaza 2005. Im Laufe der letzten Jahre, und vor allem nach Erleben der zweiten Intifada, bin ich mir – zusammen mit vielen Israeli – bewusst geworden, dass man Waffen nicht in falsche Hände geben darf. Vor allem in Anbetracht des vielerorts propagierten oder einfach hingenommenen Trauerspiels, das nun schon Jahre im folgenden verrückten Zyklus abläuft: Den Palästinensern Waffen geben, dann einige Zeit später im Rahmen einer viel unnötiges Leben kostenden Militäraktion dieselben Waffen wieder konfiszieren, um sie danach im Rahmen neuer «Friedensbemühungen» erwartungsvoll zurückzugeben. Das nächste «Konfiszierungsdatum» ist wohl nur eine Frage der Zeit … Vielleicht hält es sich bei der Übergabe eines – potentiell explosiven – Landstreifens wie mit einer Waffe? Besteht doch eine ernsthafte – und von nicht wenigen Militärexperten geäusserte – Befürchtung, Gaza werde nach einem totalen Rückzug zu einem beispiellosen Terrornest, nur wenige Kilometer von israelischen Städten entfernt. Vielleicht müssen vor einer derart risikoreichen Landübergabe gewisse Bedingungen an die «Landempfänger» gestellt werden? Ist es etwa zumutbar, einem Menschen eine Waffe in die Hand zu drücken, wenn er öffentlich droht, ebendiese Waffe gegen den gut gesinnten Waffenlieferanten zu richten?

Ich habe Gott sei Dank keinen Aufruf als Reservist zur Räumung Gazas erhalten. Ich hätte nicht gehen können. Nicht, weil ich prinzipiell gegen jeglichen Rückzug aus dem Gazastreifen bin (obwohl ich den jetzigen Plan ohne palästinensische Gegenleistung als katastrophal und als «Terrorbelohnung» empfinde), nicht, weil ich die israelische Demokratie nicht schätze, nicht, weil ich etwas Persönliches gegen Sharon habe. Nein – ich kann einfach dieses Grinsen nicht mehr sehen.
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Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Ebenfalls erschienen in tachles.ch 34/2005

     
       
   
                       
           
   

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Stand dieser Seite:  31. August 2005

   
 

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