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Rom und die Juden

 
 

 

 

 

 

 

Rom und die Juden

Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, dass Verblendung und Verirrung vom ersten Kreuzzug bis zur Befreiung des letzten Todeslagers von Hitler die dazwischenliegenden 849 Jahre jüdischer Geschichte zu einem einzigen langen Martyrium gemacht hat, in dem es nur seltene und kurze Unterbrechungen gibt.

Nicht nur verübten nominelle Christen all diese Gemetzel, nein, von 1096 an, als Kreuzfahrerschwerter zahllose Juden erschlugen, bis zum Jahr 1944, als in Dachau ein Rabbiner gekreuzigt wurde, lieferte das Christentum selbst den Mördern Vorwand oder Werkzeug. „Im Namen Jesu haben die Juden tausendjährige Verfolgung und Ungerechtigkeit erlitten. In seinem Namen sind sie zu Zehntausenden niedergemetzelt worden, in seinem Namen hat man sie zwangsweise getauft und ihnen die Kinder geraubt“, schreibt der Geistliche James Parkes.

Zur weiteren Veranschaulichung dessen lese man den päpstlichen Bericht, wie ein treuer Kreuzfahrer – einer von vielen Hunderten seiner Art – mit den Stammesbrüdern Jesu Christi umsprang. Am 18. Mai 1247 schrieb Papst Innozenz IV. von dem edlen Draconet de Montauban, der mit dem heiligen Ludwig ins Heilige Land gezogen war:

„Der edle Draconet beraubte die Juden all ihrer Güter und warf sie in ein schreckliches Gefängnis, und ohne ihre Proteste und die Beteuerungen ihrer Unschuld als berechtigt anzuerkennen, hieb er manche von ihnen in zwei Teile, andere verbrannte er auf dem Scheiterhaufen, bei wieder andern kastrierte er die Männer und riss den Weibern die Brüste ab. Er erlegte ihnen Martern verschiedener Art auf, bis sie, wie es heisst, mit dem Mund gestanden, was ihnen das Gewissen nicht eingab, und sich lieber in einem einzigen Augenblick der Qual töten liessen, als am Leben zu bleiben und weiter Qualen zu leiden und Foltern unterzogen zu werden...“

Der einzige Strahl des Lebens in diesem Tal der Tränen war der ziemlich beständige, wenn auch gefährdete Schutz, den die meisten Päpste den Juden in Lebensgefahr angedeihen liessen. Dass das drückende Bedürfnis für solche päpstliche Hilfe stets bestand, war das tödliche Erbe der Kirchenväter und einer Unzahl übereifriger Priester.

Denn in der Kirche herrschte damals die Anschauung, dass die ungläubigen Juden bis zum Ende der Zeiten als Zeugen für die Wahrheit des Christentums aufbewahrt, jedoch auf der niedrigsten sozialen Ebene gehalten werden sollten. Doch der Geist der Menge machte nie so feine Unterschiede, dass er sich bemühte, Duldung mit Diskriminierung und Absonderung zu verbinden. Der Laie verstand die feingesponnene Logik der päpstlichen Politik nicht zu würdigen, die die Juden schützte und tolerierte, während sie sie gleichzeitig demütigte und ächtete. Jeder Fürst oder Bürgermeister, der fast täglich von der Kanzel an die abscheulichen Sünden der Juden erinnert und vom Bischof streng ermahnt wurde, ihnen nicht das leiseste Wohlwollen zu bezeigen, dem ausserdem befohlen wurde, die bedrückende Kirchenpolitik in all ihren Einzelheiten auszuführen, musste zu dem Schluss kommen, dass er, wenn er sein Herrschaftsgebiet von den „Christusmördern“ säuberte, etwas Gott Wohlgefälliges tat.

So wurden die Juden im Mittelalter in der Regel von den Fürsten ausgebeutet, vom Pöbel ermordet und von den Päpsten verachtet, geschröpft und beschützt.

Doch gab es auch Ausnahmen wie Johannes XXII., den man persönlich als verantwortlich für ein „Judengemetzel“ betrachtet; Innozenz III.; Honorius III.: Gregor IX., die sich in der Anordnung und Durchführung antijüdischer Massnahmen hervortaten; Paul IV., den Gründer des Gettos in Rom und anderen italienischen Städten, der befahl, Synagogen zu zerstören und so weit ging, dass er die jährliche Zahl jüdischer Eheschlüsse beschränkte. Doch im grossen und ganzen wiederholen die mittelalterlichen Chronisten den Bericht Jakobs von Königshofen; „Im Jahr 1349 trat die grösste Pestilenz auf, die es je gab... Im Hinblick auf diese Pest wurden die Juden geschmäht und beschuldigt, sie hätten die Pest durch das Gift hervorgerufen, das sie in das Wasser und die Brunnen geschüttet haben sollen – und aus diesem Grund wurden die Juden allenthalben vom Mittelmeer bis nach Deutschland hinein verbrannt, nicht jedoch in Avignon, denn dort schützt sie der Papst.“

Damit der mittelalterliche deutsche Chronist nicht in den Verdacht der Übertreibung gerät, soll Dr. James Parkes ihn bekräftigen:

„Niemals wurde die Schuld der Juden eifriger geglaubt als dann, wenn der schwarze Tod die Länder Europas heimsuchte... Dreihundertundfünfzig Judengemeinden wurden dezimiert und viele tausend Juden verbrannt, ertränkt, gehängt, lebendig begraben oder auf andere Weise zu Tode gemartert in dem vergeblichen Versuch, sie zu zwingen, dass sie die Pest aus dem Land vertrieben.“

Eine Bulle von Papst Klemens VI., die, den edelsten Überlieferungen des Papsttums entsprechend, diese neue Verleumdung verurteilt und befahl, alle Juden zu schützen, blieb ohne jede Wirkung. Die Schutzbulle des Papstes Kalixt II., „Sicut Judaeis“, die physische Angriffe auf Juden streng verurteilte und ihre Zwangstaufe verbot, wurde von ihrer Promulgation im Jahr 1120 bis zum Ende des 15. Jahrhunderts mindestens dreiundzwanzigmal bestätigt und neu erlassen.

Wie wenig Erfolg päpstliche Erlasse gegen blinden Aberglauben und offenen Blutdurst hatten, lässt sich am besten damit beweisen, dass die Ritualmord-Verleumdung nach sieben Jahrhunderten und zwölf päpstlichen Bullen und Breven, die sie kategorisch zurückwiesen, noch immer von Zeit zu Zeit den hässlichen Kopf hebt. Ihr jüngstes Wiederauftauchen wird im Jahr 1964 aus Taschkent und dem Kaukasus und ums Jahr 1965 aus Ungarn gemeldet.

Fast all die mehr als hundert päpstlichen Erlasse zum Schutz der Juden litten unter vier Mängeln:

1. Nur wenn die Bevölkerung, aufgestachelt durch die Belehrung von der Kanzel und oft genug auch durch päpstliche Ermutigung zur Unterdrückung über die vorgeschriebenen Grenzen des Drucks gegen die Juden hinausging und die Juden tötete, stattete das Papsttum die Opfer mit einem gewissen Schutz vor dem Sturm aus.

2. Die meisten päpstlichen Ermahnungen, die Juden am Leben zu lassen, waren bemerkenswert sanft, wenn man sie mit den energischen Verurteilungen „jüdischer Exzesse“ vergleicht. So schrieb Gregor IX. am 6. April 1233 zwei Briefe. In dem ersten, in dem er sein Bedauern darüber ausspricht, dass die Christen den Juden die Fingernägel ausreissen und die Zähne ausschlagen, bittet er die Bischöfe, „alle gläubigen Christen zu ermahnen und zu bewegen, den Juden keinen Schaden zuzufügen....“ In seiner zweiten Epistel an die gleichen Erzbischöfe und Bischöfe, in der er darüber klagt, dass sich die Juden ihrer üblichen „Ungeheuerlichkeiten“ – etwa christliche Ammen einzustellen, laut in der Synagoge zu singen und so fort – schuldig machten, befahl er, dass „diese Exzesse völlig unterdrückt werden müssen; und damit die Juden es nicht wieder wagen, den unter dem Joch der Sklaverei gebeugten Nacken zu strecken, dürft Ihr zu diesem Zweck den weltlichen Arm zu Hilfe rufen....“ Freundliche Bitten, die Christen dazu zu bewegen, keine Juden zu ermorden, denen unmittelbar strenge Befehle folgen, jüdische Ungeheuerlichkeiten zu unterdrücken, konnten nur dazu führen, dem zweiten Brief weit stärkeres Gewicht  zu verleihen.

3. Nahezu alle päpstlichen Briefe, in denen Fürsten und Prälaten befohlen wurde, von der Misshandlung der Juden abzulassen, bezeichnete die Juden als „treulose“, „undankbare“ und „unverschämte Leute“. Die Empfänger dieser Empfehlungen durften sich wohl für entschuldigt halten, wenn sie die Anweisungen, „die Synagoge Satans“ oder „jüdische Verworfene“ oder „anmassende Ungläubige“ zu schützen, unbeachtet liessen.

4. Schliesslich – und das spielt dabei eine entscheidende Rolle – waren die meisten päpstlichen Schutz-Breven wie der oft wiederholte von Klemens VI. mit Wenn und Aber und Jedoch in der Präambel abgesichert, zu denen sich dann auch im Text noch weit geöffnete Maschen gesellten:

  • „(Niemand soll irgendwelche Dienste von den Juden erzwingen), es seien denn solche, die diese zu leisten gewöhnt sind“ – womit die Willkür von gestern zur legalisierten Tradition von morgen gemacht wurde.
     

  • „Wir wünschen, dass nur jene Juden, die sich nicht dazu bereit gefunden haben, etwas zur Verderbnis des christlichen Glaubens zu unternehmen, durch die Vorsichtsmassnahmen dieses Schutzes gestärkt werden.“

Wie wir aus verschiedenen Berichten wissen, genügte es, in der Synagoge laut zu singen, um den päpstlichen Schutz zu verwirken und sich für die guten Dienst der Inquisition zu qualifizieren.

Mild im Tenor, reich an verletzenden Ausdrücken und Einschränkungen, häufig zu spät erlassen, verurteilten die päpstlichen Schutz-Breven überdies nur die offene Gewalt, nicht jedoch jene tief eingewurzelte Feindseligkeit, die diese Gewalt unvermeidlich machte. Ein einziger päpstlicher Erlass, der den Christen erklärt hätte, dass das jüdische Gebot, das Christus seine Jünger lehrt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ auch den Juden gegenüber gelten müsse, wäre heilsamer gewesen als lange Listen von Verboten und Beschränkungen.

Doch ein so einfacher christlicher Brief aus Rom kam nie.

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© by Erwin & Christine Jenni / Sommer 2001 

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Stand dieser Seite:  8. Oktober 2005

   
 

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