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Judenverfolgung - Judenvernichtung
Schreie aus dem Ghetto

 
 

 

 

 

 

Schreie aus dem Ghetto

Holocaustgedenkstätte Yad Vashem* in Jerusalem

*‚Dauerndes Gedenken’ (wörtlich: „Ein Denkmal und ein Name“, siehe Jesaja, Kap.56. Vers 5)

Jes.56.5
   ...denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben; das ist besser als Söhne und Töchter. Einen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.  ( -> siehe auch Verse 1-8!)

Es war ein kalter, nebliggrauer Tag, als Christine und ich uns aufmachten, die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem zu besuchen. Wir fuhren mit einem normalen Linienbus, in dem Leute mit Einkaufstaschen sassen, Mütter sich um ihre Kinder kümmerten und Soldaten mit ihrer Ausrüstung dabei waren. Die Bushaltestelle befand sich ein paar hundert Meter von der Gedenkstätte entfernt, so dass wir dieses letzte Stück des Weges zu Fuss gehen mussten. Alles wirkte so betrübt und hoffnungslos. Uns schien, als würde sogar der Himmel weinen. Wir waren allein auf diesem Weg, der so einsam und verlassen wirkte. Es war für uns selber der Anfang vom Weg des Leidens und der Verfolgung, in der Verbundenheit und Liebe zum jüdischen Volk. Nichts, was wir bis dahin erlebt hatten, war für uns schmerzhafter und einschneidender in unserem Leben, als die kommenden Stunden, in denen wir uns mit dem erschütternden Leidensweg des jüdischen Volkes auseinander­ zu setzten begannen. Es wird mir nicht möglich sein, all die tiefen und schmerzhaften Eindrücke, die ich im Herzen auch heute noch trage, welche in Yad Vashem ihren Anfang nahmen, euch nur annähernd zu schildern. Der „Ewige Israels“ allein kennt die Schmerzen und sieht die Tränen eines jeden, der für IHN Zeuge war und ist auf  dieser Erde! ER allein prüft unsere Herzen - IHM bleibt nichts verborgen! Jer.17.9-10; Jes.43.10-13.

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Eines Tages wird Jahweh - „der Gott Israels“ - den Erdboden Europas aufrollen und die wahre Geschichte enthüllen; Jahrhunderte des Krieges. Es gibt Waldlichtungen im Herzen Europas, auf denen Männer, Frauen und Kinder inmitten von knospenden Frühlingsbäumen gezwungen wurden, sich auszuziehen und sich nackt in Reihen aufzustellen. Dann wurden sie erschossen. Soldaten rissen Säuglinge aus den Armen ihrer Mütter, um sie zuerst in die Gräber zu werfen. Und dies allein nur darum, weil sie Juden waren! Wir vergessen, dass Abels Blut zum Himmel schrie, und wir vergessen, dass der Gott Israels diesen Schrei hörte und Kain wegen seines Brudermords verurteilte.

Die Schreckensherrschaft der SS fand auch statt, weil die institutionalisierte Kirche und die Welt sich weigerten, Verantwortung zu tragen!

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Nahum 1.2
   Der HERR ist ein eifernder und vergeltender Gott, ja, ein Vergelter ist der HERR und zornig. Der HERR vergilt seinen Widersachern, er wird es seinen
Feinden nicht vergessen.

Zef.3.19
   Siehe, zur selben Zeit will ich mit allen denen ein Ende machen, die dich bedrängen, und will den Hinkenden helfen und die Zerstreuten sammeln und will sie zu Lob und Ehren bringen in allen Landen, wo man sie verachtet
(siehe auch Zef. 3.14-18!)

 

Das historische Museum

Nachdem wir den Eingang und den Vorplatz mit der dazugehörenden „Allee der Gerechten unter den Völkern“ passiert hatten, besuchten wir zuerst die Dauerausstellung des historischen Museums. Ich bin der Überzeugung, dass Christine und ich bereit waren Verantwortung auf uns zu nehmen, als wir den Ort in Jerusalem aufsuchten, der die Besucher in ganz besonderer und ergreifender Weise mit dem Schrecken des Holocaust konfrontiert. Diese Ausstellung zeigt uns anhand von authentischen Fotografien, Gegenständen und Dokumenten die Geschichte der Zerstörung des europäischen Judentums auf. All diese Dokumente zeugen vom Leiden einer ganzen Nation. Damit aber auch vom Versagen der ganzen Welt, die wusste, was geschah - und doch nichts unternahm, um zu helfen, abgesehen von ein paar wenigen Ausnahmen (geschichtlich bewiesen und eindrücklich dargestellt im Buch von Gerhard Czermak „Christen gegen Juden“ - Greno Verlag 1989).

Die Ausstellung ist chronologisch angeordnet und besteht aus 5 Teilen: der erste Teil enthält 3 Abteilungen: Hitlers Aufstieg zur Macht, Deutschlands territoriale Expansion (1935 -1939) und die Verfolgung der Juden im Dritten Reich.

In der dritten Abteilung werden Szenen vom Ausbruch des zweiten Weltkrieges bis zum Einmarsch der Nazis in die Sowjetunion im Jahre 1941 gezeigt, die Judenverfolgungen, die Konzentration der Juden in Ghettos und deren verzweifelten Bemühungen um Wahrung ihrer menschlichen Würde.

Im zweiten Teil wird die Zerstörung aufgezeigt: der Massenmord an den Juden durch die Einsatzgruppen nach dem Einmarsch der Nazis in die Sowjetunion, Transporte in die Todeslager, Gaskammern und Krematorien, wie auch Bilder und Dokumente von jüdischer Zwangsarbeit und pseudo-wissenschaftlichen, medizinischen Experimenten, welche Nazi-Ärzte an KZ-Häftlingen ausführten.

Ein Tunnel, der an die Abflussrohre erinnert, welche den jüdischen Kämpfern im Warschauer Ghetto als Versteck und Fluchtroute dienten, führt in die dritte Abteilung. Diese ist grösstenteils dem bewaffneten jüdischen Widerstand und den Endstadien des Holocaust gewidmet.

Der vierte Teil zeigt Bilder von Kämpfen in den Ghettos, Gruppen von Ghetto-Kämpfern und jüdische Partisanen; Waffen, die den jüdischen Widerstandskämpfern dienten; eine Druckerei, in der Dokumente gefälscht wurden.

Der fünfte Teil enthält Fotografien von KZ-Häftlingen während der ersten Tage nach der Befreiung und demonstriert die geheimen Routen, die die Überlebenden benützten um Palästina (Israel) zu erreichen. Beim Verlassen des historischen Museums steht der Besucher vor symbolischen Grabsteinen, die jeweils die Zahl der jüdischen Opfer in den verschiedenen Ländern Europas aufzeigen.

(aus: Yad Vashem - Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum. S.8-9)
 

Für uns beide waren die schlimmsten und tragischsten Bilder, die wir während diesem Rundgang sahen, die verschiedenen Darstellungen von hungernden oder bereits zu Tode gequälten Kindern, die irgendwo in den Ghettos vereinsamt dahinstarben. Es erdrückt mir fast das Herz, wenn ich mich an die einsamen, nach Liebe und Geborgenheit schreienden Augen der Kinder erinnere, die regungslos und ohne Lebenswillen in die Linse des Fotoapparates starren. Eine Frage nach der anderen kam mir in diesem Moment in den Sinn. Was geht wohl in den Köpfen dieser kleinen, hilflosen Geschöpfe vor? Warum können Menschen anderen Menschen das antun, nur weil sie etwas anderes glauben, oder einem anderen Volk angehören?  Wo waren die vielen „getauften Christen“, die doch gemäss ihrem Glauben verpflichtet gewesen wären, Nächstenliebe und Hilfe anzubieten? Der Holocaust geschah nicht irgendwo in der dritten Welt, sondern mitten im so genannten christlichen Abendland - hier bei uns! Wo waren die verschiedenen Kirchen mit ihren beim Machtantritt Hitlers so lautstarken Repräsentanten? Wo waren sie, als das Gewissen schrie „Hilf“? Warum hörten sie die Schreie aus dem Ghetto nicht? Warum?

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 „Vor meiner Seele standen die grauenhaften 1700 Jahre der Konstantinschen Ära, während der es in jeder Generation eine entsetzliche Judenverfolgung gab, bei welcher die Kirche mehr oder weniger mitbeteiligt gewesen ist... Das Allerschlimmste in diesen Verbrechen war der Rettungsring, den man den Juden in ihrer Todesangst zuwarf - die Taufe.“

(Maly Kagan, eine Hilfsschwester, die aus rassischen Gründen 1935 das Diakonissenhaus „Tannenhof“ verlassen musste.)

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Im Jahre 1933 wäre Protest und Widerstand möglich gewesen. Doch 1933 verfolgte Hitler jene, die auch die Kirchen gerne verfolgt sahen: Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden. Die Kirchen wurden nicht verführt, sie stimmten überein. Erst als sie selbst verfolgt wurden, verebbte der Jubel. Dem Volk ist leicht die Schuld gegeben. Aber wie sollte, um beim Beispiel Kirche zu bleiben, ein einfacher Kirchgänger den Nationalsozialismus verurteilen, wo deutsche Bischöfe Hitler als gottgesandten Führer priesen und selbst die Hand zum Hitler-Gruss erhoben?
 

Christine und ich erschraken, als wir sahen, wie viel wir verloren hatten durch ein kirchliches System, das sich selbst von der eigenen Wurzel und den wichtigsten Grundlagen ihres oft gepredigten, aber nicht gelebten Wortes aus der Heiligen Schrift, weit entfernt hatte. Die Art und Weise, wie die Juden von der christlichen Kirche über Jahrhunderte hinweg behandelt worden sind, war für sie nicht nur äusserst erniedrigend, sondern hat uns selbst sehr grossen Schaden zugefügt. Christen, die zwar selbst dem jüdischen Messias folgten, haben paradoxerweise ihren jüdischen Brüdern und Schwestern das Bürgerrecht abgesprochen. Wir zwangen sie, besondere Kleidung zu tragen und in abgeriegelten Stadtteilen - Ghettos - zu wohnen, bis wir schliesslich einen uralten, ehrenwerten Lebensstil beinahe ausgelöscht hatten (auf diese Tatsache werden wir in den folgenden Seiten noch genauer eingehen).

Nach dieser fast unglaublichen Tatsache, der wir nach dem für uns so traurigen und schmerzvollen Weg durch die Gänge des Museums gegenüberstanden, fingen wir an zu verstehen, dass die aktive Diskriminierung der Juden durch Christen - die letztlich bis zu den Gaskammern geführt hatte - die ungeheure Frage aufwirft, die den Juden bis heute keine Ruhe lässt, die wir Christen jedoch kaum beachten: „Wo war Gott in Auschwitz?“ Dies ist vielleicht die wichtigste Frage unseres Jahrhunderts, weil sie die gesamte Tragik unschuldigen Leidens, des scheinbaren Sieges des Bösen über das Gute und der augenscheinlichen Ferne Gottes in sich zusammenfasst. Es ist leicht zu fragen: „Was geht mich das an?“ Natürlich haben wir keine oberflächlichen Patentantworten auf diese existenziellen Fragen. Alles was wir wissen, ist, dass sie uns als Christen, oder Gläubige an den Messias - Jeschua - ansprechen müssen! Unser Glaube hat jüdische Wurzeln (Matth. 25.31-46)! Die geringsten Brüder waren sicher nicht die zu den verschiedenen Kirchen gehörenden Christen, sondern diejenigen, die unter ihnen litten und bis aufs Blut verfolgt wurden!
 

Hass, Verfolgung, Angst

Das Kind, das seine Geschichte hier erzählt, gehört zu Gottes auserwähltem Volk. Seit der Zeit, als sein Gewissen erwachte, hatte es nur für Gott gelebt... Haben wir uns jemals Gedanken gemacht über die Folgen eines Schreckens, der - obschon weniger offensichtlich und weniger auffallend als die anderen Gewalttaten - das Schlimmste von allem ist, das uns, die wir einen Glauben haben, passieren kann: Der Tod Gottes in der Seele eines Kindes, das unmittelbar mit dem abgrundtiefen Bösen konfrontiert wird ? ... Und ich, der ich glaube, dass Gott Liebe ist - was sagte ich zu diesem Kind? Sprach ich zu ihm von jenem anderen Israeli, seinem Bruder, der ihm ähnlich gewesen sein mag - dem Gekreuzigten, dessen Kreuz die Welt besiegt hat? Bestätigte ich ihm, dass der Stolperstein seines Glaubens zum Eckstein des meinen wurde, und dass meiner Meinung nach der Zusammenhang des Kreuzes mit dem Leiden der Menschen der Schlüssel zu diesem unergründlichen Rätsel war, an dem der Glaube seiner Kindheit zerbrochen war?

Und doch ist Zion wieder auferstanden aus den Krematorien und den Leichenhäusern. Die jüdische Nation ist aus ihren Tausenden von Toten auferstanden. Durch sie lebt sie von neuem. Wir wissen nicht um den Wert eines einzelnen Tropfen Blutes oder einer einzigen Träne. Alles ist Gnade. Wenn der Ewige der Ewige ist, dann steht das letzte Wort an jeden einzelnen von uns IHM zu. Ja, IHM. Das hätte ich diesem jüdischen Kind sagen sollen. Aber ich konnte es nur umarmen. Weinend...

François Mauriac im Vorwort zu: „Die Nacht zu begraben“, von Elie Wiesel
 

Diese Worte aus einem Buch eines Holocaust­Überlebenden, der dazumal selbst noch ein Kind war, und die Eindrücke, die wir damals beim Besuch der Kindergedenkstätte in Yad Vashem machten, erschütterten uns bis in unsere tiefsten Seelen. Der Besuch des Kindermemorials hinterlies in uns eine grosse Wunde und ein ewiges Fragen und Weinen in unseren Herzen. Für mich persönlich gab es nichts Vergleichbares und schmerzhafteres als die wenigen Minuten, die ich an diesem Ort des Gedenkens aushalten konnte. Ich weinte. Ja, ich weinte bitterlich, als ich die Namen und das Alter der Kinder über einen Lautsprecher im Hintergrund hörte, die während dem Holocaust umgebracht wurden. Der dunkle Raum mit den Bildern der verstorbenen Kinder, die vielen Spiegel, in denen sich die fünf aufgestellten Kerzen unzählige Male reflektieren - wie ein klarer Sternenhimmel, - die bedrückende Stille und die traurige Musik hinterliessen in uns ein ewiges Gedenken an 1,5 Millionen Kinder, die allein nur deshalb sterben mussten, weil sie Juden waren. Ja, wir wollen die Erinnerung an sie lebendig erhalten und beten dafür, dass wir oft dorthin zurückkehren dürfen, um nie zu vergessen, was diesem Volk angetan wurde. Wir beten, dass viele, viele Menschen Yad Vashem besuchen mögen.

Wir schämen uns der Tränen nicht, die wir an diesem Ort des Gedenkens vergossen hatten, weil sie uns mit den Leiden des Messias dieses Volkes und ihres Gottes, der der Gott Israels genannt wird, in einer Tiefe verbunden haben, von der uns niemand mehr trennen kann. Wir glauben daran, dass es dieser einzige Gott war - von dem alle Dinge sind - der unsere Herzen öffnete für das Leiden und die Geheimnisse, die mit seinem auf ewig auserwählten Volk verbunden sind. Wir glauben an die Zukunft dieses von der Welt ewig gehassten Volkes, weil es der Gott Israels in seinem Wort verheissen hat. In der Hoffnung Israels gehen wir weiter - dorthin wo uns dieser gerechte Gott haben will. Denn...

Jes.62.1.
   Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten, bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie eine Fackel...

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Israels Glaube wurde mit Hitlers vorsätzlich geplantem Mord an einem Drittel des Volkes Gottes auf die grösste Probe seiner tragischen Geschichte gestellt... Dieser böse Plan fand viele, viele Helfer... Aber ein Wunder geschah. Jene, die in die Tiefen der Hölle geschaut hatten, sangen zu Gottes Lob, sprachen ein Gebet für die Menschheit und machten sich daran, ein neues Leben in Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen. Ihre Ziele und Ideale sind nicht zugrunde gegangen; nicht in den Gaskammern, nicht im Zeitalter der Wissenschaft. Ihre Rabbis und Gelehrten waren zwar durch die Mächte des Bösen dezimiert, aber sie nahmen ihre Studien wieder auf und errichteten ihre Schulen in Israel und anderen Ländern wieder. So äussert sich die Kraft eines befreienden Glaubens.

Rabbi Ephraim Gastwirth, Vorsteher des jüdischen Altersheimes in Manchester, zitiert in The Times, 12.April 1986

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Wir möchten Euch im weiteren Verlauf dieser Darstellung ein paar Gedichte von Kindern und verschiedene Dokumente von Menschen weitergeben, die in ihrer Todesangst noch die Kraft aufbrachten, etwas aufs Papier niederzuschreiben. Es bleiben Zeugnisse von einer Zeit, die heute schon fast vergessen ist, von vielen verdrängt oder sogar geleugnet wird. Die nachfolgenden, zuerst aufgeführten Gedichte deuten etwas von dem Alptraum an, der in unserem Jahrhundert für 1,5 Millionen Kinder zur grausamen Realität wurde. Sie sprechen das aus, was ich mit meinen eigenen Worten nicht ausdrücken konnte.

Und doch vernimmt man in all dem einen herzzerreissenden Schrei nach Leben. Mitten im Inferno bleibt ein absolutes Vertrauen auf Gott spürbar.

Diese Gedichte hinterfragen meinen Glauben bis auf den Grund. Das ist auch richtig so, denn die meisten von uns gehören zur Nach-Holocaust-Generation. Es ist unbedingt erforderlich, dass wir aus der Vergangenheit unsere Lehren ziehen, sonst könnte, so befürchte ich, sich die Geschichte wiederholen.
 

Angst

Heute kennt das Ghetto eine andere Angst. Fest in seinem Griff schwingt der Tod eine eisige Sense.

Eine böse Krankheit verbreitet Schrecken in ihrer Totenwache, die Opfer ihres Schattens weinen und winden sich.

Heute erzählt der Herzschlag eines Vaters seine Angst, und Mütter bergen ihr Gesicht in ihren Händen.

Kinder ersticken und sterben hier an Typhus, ein bitterer Zoll wird ihren Scharen abverlangt.

Mein Herz schlägt noch immer in meiner Brust, während Freunde in andere Welten aufbrechen. Vielleicht ist es besser - wer kann es sagen? - heute zu sterben, als dies mit anzuschauen.

Nein, nein, mein Gott, wir wollen leben und nicht unsere Zahl dahinschmelzen sehen!

Wir wollen eine bessere Welt haben! Wir wollen arbeiten - wir dürfen nicht sterben!

Die zwölfjährige Autorin dieses Gedichts, Eva Pickovà, wurde von Theresienstadt, einem Ghetto ausserhalb Prags, am 18. Dezember 1943 nach Auschwitz transportiert. Dort wurde sie umgebracht.
 

Terezin
(Theresienstadt, das tschechische Ghetto)

Das bisschen Schmutz innerhalb dreckiger Mauern, und überall Stacheldraht!

Und dreissigtausend schlafende Seelen, die eines Tages erwachen und ihr vergossenes Blut sehen werden.

Einst war ich ein kleines Kind, vor drei Jahren. Das Kind, das sich nach anderen Welten sehnte. Aber nun bin ich kein Kind mehr, denn ich habe hassen gelernt. Ich bin jetzt ein Erwachsener, ich habe die Angst kennen gelernt.

Blutige Worte und dann ein toter Tag, das ist etwas anderes als Buhmänner! Aber trotzdem glaube ich immer noch, dass ich heute nur schlafe!

Dass ich als Kind wieder aufwache und zu lachen und spielen beginne.

Dass ich zurückkehre zur Kindheit, süss wie eine wilde Rose, wie eine Glocke, die uns aus einem Traum aufweckt, wie eine Mutter mit einem kränklichen Kind, die es mit der schmerzlichen Fürsorge einer Frau liebt.

Wie erschütternd ist dann die Jugend, die mit Feinden und Galgenstricken lebt. Wie erschütternd, zu den Kindern auf deinem Schoss zu sagen: dies für die Guten, das für die Schlechten.

Irgendwo, ganz weit draussen, schlummert süss die Kindheit, dem Pfad entlang unter den Bäumen, dort jenseits des Hauses. Dort hat meine Mutter mich in diese Welt hineingeboren, damit ich weinen kann...

Mit einer Kerze neben meinem Bett schlafe ich ein, und vielleicht werde ich einst verstehen, dass ich so ein kleines Ding gewesen bin, so klein wie dieses Lied.

Diese dreissigtausend schlafenden Seelen unter diesen Bäumen werden erwachen, ein Auge öffnen - und weil sie viel sehen, werden sie wieder einschlafen...

Dieses Gedicht wurde von Hanus Hachenburg verfasst, der als Fünfzehnjähriger in Auschwitz ermordet wurde.

Auszüge aus dem Buch „Schreie aus dem Ghetto“ von A. Snell - Brunnen Verlag 1992


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Es war ein grosser Camion mit Kindern gekommen, und Quackernack musste den Transport in die Gaskammer bringen. Wir beobachteten alles von unseren Bürofenstern aus. Der Camion hielt still, wurde geöffnet und die Kinder brutal hinuntergetrieben. Wie eine verängstigte Herde standen die Kleinen da. Plötzlich ging ein kleines, blondes Mädelchen von etwa vier Jahren auf Quackernack zu, in der einen Hand eine Tasche und an der anderen ihr älteres Brüderchen mitschleppend, das sich offenbar der Gefahr schon mehr bewusst war und nur widerstrebend folgte. Wir sahen, wie das Kind das Gesicht zu ihm hob und ihn lächelnd etwas fragte.

Quackernack war erzürnt: Ein Judenkind wagte es, sich ihm zu nähern. Mit aller Kraft gab er dem Kind einen Fusstritt, dass es wegflog. Erst blieb es eine Weile betäubt liegen, dann rappelte es sich auf, weinte und rieb sich den Hinterkopf. Und wir? Wir schluchzten und weinten, wie wir schon lange nicht mehr geweint hatten. Gab es denn überhaupt noch einen Gott für uns? Wie konnte Er nur solche Dinge geschehen lassen? Quackernack war selbst Vater von vier Kindern.

Buch: Ich war NR.10291 - Als Sekretärin in Auschwitz, J. Spritzer S.53 - Rothenhäusler Verlag Stäfa 1994

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Der Holocaust war bei weitem das Schlimmste, was das jüdische Volk durch seine leidgeprägte Geschichte der Zerstreuung hindurch seit Titus erlitt.

ELIE WIESEL, selbst Überlebender des Holocaust, schrieb über dieses schreckliche Ereignis in seinem Buch, das - nicht ohne Grund - den Titel trägt „Die Nacht zu begraben, Elischa“:

Ich habe in der Folge mehreren Erhängungen beigewohnt. Nie habe ich einen der Verurteilten weinen sehen, denn ihre ausgemergelten Körper hatten seit langem den bitteren Trost der Tränen vergessen.

Mit Ausnahme einer Vollstreckung. Der Oberkapo des 52. Kabelkommandos war ein Holländer: ein über zwei Meter hoher Riese. Siebenhundert Häftlinge arbeiteten unter seinem Befehl und alle liebten ihn wie einen Bruder. Nie hatte einer eine Ohrfeige von seiner Hand bekommen, nie einen Fluch aus seinem Munde gehört.

Er hatte im Dienst einen jungen Burschen bei sich, einen Pipel, wie man ihn nannte, ein Kind mit feingezeichneten schönen Gesichtszügen, das nicht in unser Lager passte. (...Der kleine Diener des Holländers wurde jedoch von allen geliebt. Er hatte das Gesicht eines unglücklichen Engels.)

Eines Tages flog die Elektrozentrale von Buna in die Luft. An Ort und Stelle gerufen, schloss die Gestapo auf Sabotage. Man fand eine Fährte, die in den Block des holländischen Oberkapos führte. Dort entdeckte man nach einer Durchsuchung eine bedeutende Menge Waffen.

Der Oberkapo wurde auf der Stelle festgenommen. Wochenlang wurde er gefoltert. Umsonst. Er gab keinen Namen preis, wurde nach Auschwitz überführt und war fortan verschollen.

Aber sein Pipel blieb im Lager, im Kerker. Gleichfalls gefoltert, blieb auch er stumm. Die SS verurteilte ihn daher zusammen mit zwei anderen Häftlingen, bei denen Waffen gefunden worden waren, zum Tode.

Als wir eines Tages von der Arbeit zurückkamen, sahen wir auf dem Appelplatz drei Galgen. Antreten. Ringsum die SS mit drohenden Maschinenpistolen, die übliche Zeremonie. Drei gefesselte Todeskandidaten, darunter der kleine Pipel, der Engel mit den traurigen Augen.

Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich. Ein Kind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biss sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgens bedeckte es ganz.

Diesmal weigerte sich der Lagerkapo, als Henker zu dienen. Drei SS-Männer traten an seine Stelle.

Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schlingen eingeführt. „Es lebe die Freiheit!“ riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg. „Wo ist Gott, wo ist er? fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. „Mützen ab!“ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. „Mützen auf !“

Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Ihre geschwollenen Zungen hingen bläulich heraus. Aber der dritte Strick hing nicht reglos: der leichte Knabe lebte noch...

Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorüber schritt. Seine Zunge war noch rot, seine Augen noch nicht erloschen.

Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen:

„Wo ist Gott?“

Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: „Wo er ist? Dort - dort hängt er, am Galgen...“

An diesem Abend schmeckte die Suppe nach Leichnam.

Buch: Babylon oder Jerusalem, S.116-117 - Hännsler Verlag - 1994

Nun gibt es eine Gruppe, auf welche die Methode der Vernichtung in einem Massstab von grösster Ungeheuerlichkeit angewandt wurde. Ich meine die Ausrottung der Juden. Hätten die Angeklagten kein anderes Verbrechen begangen; dieses eine allein, in das alle verwickelt sind, würde genügen. Die Geschichte kennt keine Parallele zu diesen Schrecken.

Sir Harley Shawcross, der britische Hauptankläger in Nürnberg S. 285 vom Buch „Der gelbe Stern“
 

Nicht nur die Ausführung dieser Millionen von Gräueltaten der Grausamkeit und des Antisemitismus, sondern auch der Mangel an Mitleid, und dass es so wenige Tröster gab unter denen, die doch eigentlich hätten Barmherzigkeit zeigen sollen, ist kaum zu begreifen.

Das ganze Ausmass des Bösen, das am jüdischen Volk begangen und von ihm erlitten wurde, können wir nie ermessen. Mögen aber die wenigen Beispiele, die wir hier aufführten uns dazu veranlassen, zu Tröstern für Gottes Volk zu werden. Mögen sie uns die Tränen der Reue darüber in die Augen treiben, wie Christen - die doch sagen, dass sie an einen Gott der Liebe und Barmherzigkeit glauben - so fürchterlich darin versagt haben, seinem eigenen Volk diese Liebe und Barmherzig­keit zu erweisen. Denn...

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Das Christentum hat den Holocaust nicht geschaffen; ja, der Nationalsozialismus war anti-christlich. Aber es hat ihn möglich gemacht. Ohne den christlichen Antisemitis­mus wäre der Holocaust un-denkbar... HITLER und die Nazis fanden in der mittelalterlichen, katholischen anti-jüdischen Gesetzgebung ein Vorbild und sie lasen und veröffentlichten erneut die bösartig antisemitischen Schriften Martin Luthers. Es ist bezeichnend, dass der Holocaust von demjenigen grossen Land in Europa ausgelöst wurde, das ungefähr zu gleichen Teilen katholisch und protestantisch ist. Beide Traditionen waren durchsetzt vom Hass gegen die Juden.

Dennis Prager und Joseph Telushkin, Why the Jews? The Reason for Antisemitism (New York: Touchstone, 1985) S.104

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Erwin & Christine Jenni: Schilderungen aus unserem Israelaufenthalt 1991

© by Erwin & Christine Jenni

April 1995

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Diese Tafel findet man im Hamburger Hafen direkt bei den Landungsbrücken
(Foto: L. Fritze)

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Stand dieser Seite:  8. Oktober 2005

   
 

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